Das Institut: Historie

Das Institut für analytische Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie Heidelberg e.V. steht in einer langen Tradition, die in die Nachkriegszeit zurückgeht.

Die Gründung ist eng mit dem Namen von Annemarie Sänger verbunden, die die Erziehungsberatungsarbeit bei dem Adlerianer Leonhard Seif in München kennengelernt hatte und am Deutschen Institut für psychologische Forschung zur Psychagogin ausgebildet worden war. Sie richtete in Heidelberg die erste Erziehungsberatungsstelle als Stelle für tiefenpsychologische Elternberatung und Kinderpsychotherapie ein.

Sie bot eine Elternschule an, in der Eltern und Erzieher mit den Elementen der psychologisch geführten Erziehung vertraut gemacht wurden. Dabei war ihr besonders wichtig, den in Erziehung und Beratung tätigen Professionen eine tiefenpsychologische Verstehensweise zu vermitteln. Nur so sah sie eine Hoffnung, auch schwerer gestörten Kindern und Jugendlichen eine Entwicklungschance geben zu können. Handelte es sich doch um eine Generation von Kindern und Jugendlichen, die unmittelbar und mittelbar durch die Traumatisierungen von Krieg, Vertreibung und Vernichtung geprägt worden war.

Erziehungsberatung, psychologische Beratung und Psychotherapie im umfassenden Sinne waren also am Institut von Anfang an eng miteinander verbunden. In gewisser Weise stand diese Entwicklung auch in Zusammenhang mit dem pädagogisch-demokratischen Erziehungsauftrag, dem die Amerikaner in Deutschland Geltung verschaffen wollten, um dabei zu helfen, den Schrecken von Krieg und Nationalsozialismus zu überwinden und dafür zu sorgen, dass der Totalitarismus in Deutschland keinen Nährboden mehr findet.

In den 50er Jahren schälte sich der Beruf des psychoanalytischen Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten langsam deutlicher heraus. Dieser Prozess ist im Zusammenhang mit der aus der Emigration zurückgekehrten Psychoanalyse zu sehen, die sich in der Zwischenzeit in den USA und England stürmisch entwickelt hatte. Nun konnte der durch die Nazi-Herrschaft zerrissene Faden wieder aufgenommen werden und man bezog sich wieder auf die Pioniere der Kinderanalyse, besonders auf Anna Freud und Melanie Klein.

Aus tiefenpsychologisch orientierten Kindertherapeuten – den Psychagogen – wurden analytische Kinder- und Jugendlichen-Therapeuten/-innen, aus dem Institut für Psychagogik wurde das Institut für analytische Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie.

Als 1971 die Behandlung von neurotischen Störungen bei Kindern und Jugendlichen als Krankenkassenleistungen anerkannt wurde, eröffneten sich für das Institut neue Möglichkeiten: Psychotherapie bei Störungen von Krankheitswert konnten als Krankenkassenleistung abgerechnet werden, wodurch das therapeutische Angebot deutlich erweitert werden konnte. Mit dieser Entwicklung eng verknüpft war die Beteiligung und Präsenz der Medizin durch psychoanalytisch ausgebildete Ärzte.

Dr. med. Hermann Fahrig war von 1975 bis 1993 Leiter des Instituts für analytische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie Heidelberg e.V. (AKJP).

Das Institut war und ist auch heute eine Ausbildungsstätte für analytische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten. Zur damaligen Zeit benötigten solche Ausbildungsinstitute noch einen ärztlichen Leiter. Als ausgebildeter Analytiker und Kinderarzt übernahm Herr Fahrig nicht nur die Leitung der Ausbildungsstelle und die Organisation des Curriculums, sondern war auch Lehranalytiker und Supervisor für die Auszubildenden des Instituts. Zudem war er für die Diagnostik der am Institut vorstellig gewordenen Kinder und Jugendlichen zuständig.

Nachdem es immer wieder Vorwürfe und Gerüchte bezüglich sexueller Übergriffen von Seiten der Auszubildenden gab und ihm letztendlich ein Verhältnis mit einer ehemaligen Patientin nachgewiesen werden konnte, entließ das Institut bei einer Mitgliederversammlung in Konsequenz daraus Herrn Fahrig aus seiner Leitungsfunktion. Von den damaligen Verantwortlichen waren weitere Schritte angedacht, es fehlten jedoch die Möglichkeiten tätig zu werden, da sich keine Betroffenen fanden, die bereit gewesen wären Herrn Fahrig anzuzeigen.

Als Konsequenz aus den Vorfällen im Institut wurden mit dem Wechsel des Institutsleiters 1993 neue, demokratischere Strukturen am Institut eingeführt. Es wurden ein Ausbildungsausschuss und eine Ambulanzkonferenz installiert, um den Einfluss des Institutsleiters zu begrenzen. Und darüber hinaus auch die Ämter zweier Ethikbeauftragten geschaffen. 

Da von Seiten der Mitglieder des Vereins, der Ausbildungskandidaten und der am Institut Tätigen weiterhin das Bedürfnis nach Aufklärung bestand, wurde in den letzten Jahren eine Aufarbeitungsgruppe am Institut gegründet, die sich mit den Geschehnissen der damaligen Zeit befasst - mit dem Ziel und dem Wunsch nach Aufklärung, Transparenz und Prävention. Auch werden Seminare und Vorträge mit präventivem Charakter (z.B. Gegenübertragungsgefühle beim Analytiker) für die Auszubildenden angeboten. Der bis 2017 tätige Leiter des Instituts, Dr. Klaus Winkelmann, wirkte aktiv bei der Entstehung dieser Aufarbeitungsgruppe mit. Dr. med. Klaus Winkelmann,  selbst Arzt für psychotherapeutische Medizin und Psychoanalytiker, hatte 1994  die Leitung des Instituts übernommen.

Aufgrund eines Beschlusses der Mitgliederversammlung vom Juni 2017 wurde darüber hinaus Kontakt zu einer externen Forschungsgruppe aufgenommen, deren Auftrag es sein soll, die „Ära Fahrig“ wissenschaftlich aufzuarbeiten.

Nach der Verabschiedung von Dr. Klaus Winkelmann in den Ruhestand 2017, wurden die Strukturen des Instituts weiter verändert. Die Position des Institutsleiters ist nun in nach Aufgabenbereiche getrennte Leitungsfunktionen aufgeteilt in Geschäftsführung, Ausbildungsleitung, Leitung der Ambulanz und Leitung der Beratungsstellen.

Der Verein, vertreten durch seinen Vorstand trägt und unterstützt im Benehmen mit dem Institutsleiter die satzungsgemäßen Ziele.

Das Institut beinhaltet heute eine psychologische Beratungsstelle für Kinder und Jugendliche, eine Ausbildungsstätte für Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten sowie in Kooperation mit der psychiatrischen Klinik Heidelberg eine Forschungsstätte.

Die Beratungsstelle ist in der Jugendhilfe der Stadt Heidelberg sowie des Rhein-Neckar-Kreises eingebunden und bietet ratsuchenden Eltern, Kindern und Jugendlichen ein niederschwelliges Angebot im Rahmen des Kinder- und Jugendhilfegesetzes an.

In der Ausbildungsstätte absolvieren z.Zt. 63 Studierende mit einem akademischen Abschluss eine berufsbegleitende, staatlich anerkannte Ausbildung zum/zur Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten/-in  in den Fachkunden analytische und tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie. Den Studierenden steht eine gut frequentierte Ambulanz zur Verfügung, die ihnen das Erlernen von Diagnostik und das Erlernen der therapeutischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen unter Supervision ermöglicht. Es bestehen vielfältige Kooperationen mit kinderpsychiatrischen Einrichtungen. Getragen wird die Ausbildungsstätte von einem großen Mitarbeiterstab an DozentInnen, SupervisorInnen und LehranalytikerInnen.

Die innere Welt des Kindes oder des Jugendlichen, die Dynamik von innerseelischen Kräften in ihrer Auseinandersetzung mit den Anforderungen der Realität steht im Zentrum der Betrachtung und Behandlung von therapiebedürftigen Störungen bei Kindern und Jugendlichen.

Das Institut steht in der Tradition der Kinderanalyse und ihrer Weiterentwicklung. Dozenten, Supervisoren und Lehranalytiker vertreten auf dem common ground der Psychoanalyse unterschiedliche Konzepte. Hierzu gehören die Selbstpsychologie, die Objektbeziehungspsychologie, die analytische Psychologie nach C.G. Jung, die Ich-Psychologie, wie sie Anna Freud begriffen hat, sowie die Triebpsychologie in ihren Fortentwicklungen.

Allen gemeinsam ist, dem subjektiven Erleben des Betroffenen die Aufmerksamkeit zu schenken und der intersubjektiven Sichtweise mit dem Angebot einer hilfreichen Beziehung bei aller Störungsorientierung den Vorrang zu geben.

In Zusammenarbeit mit der psychiatrischen Klinik Heidelberg wird ein Forschungsbereich unterhalten, der Psychotherapie, auch im Vergleich zu anderen Verfahren hinsichtlich Wirksamkeit und weiteren differentiellen Fragen untersucht.

Die Mitgliedschaft des Instituts in der Sektion Ausbildung des Fachverbands der VAKJP stellt sicher, dass Grundanforderungen an eine analytische und tiefenpsychologisch fundierte Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie auf hohem Qualitätsniveau eingehalten werden. Der regelmäßige Austausch unter den analytischen Instituten stellt sicher, dass Anpassungen an veränderte Rahmenbedingungen vorgenommen werden und Fortschritte in Theorie und Praxiswissen hinsichtlich Psychotherapie umgesetzt werden.